Der Norden, eine Seelentankstelle

Clärchen strahlte mit all ihrer Kraft. Ich lag mit meiner Fee, eine eigene zu haben ist übrigens sehr lohnenswert, auf der Decke am Strandabschnitt in Emden. Knock war alles andere als schön. Der industrielle Charme hatte trotzdem was.

Hier waren sämtliche Nationen versammelt. Egal ob Mensch oder Hund. Jeder genoss die lauwarme Nordsee auf seine individuelle Art und Weise. Ich eben mit Fee auf der Decke. 😉

Meine Augen schweiften interessiert umher, während meine Gedanken in andere Sphären abtauchten. Es ist so viel geschehen in den letzten Wochen und Monaten, dass ich es teilweise noch immer nicht richtig realisiere. Und das hat ausnahmslos nichts mit der Coronapandemie zu tun. Oder doch, ein wenig?

Seit ein paar Tagen erholen wir uns im Norden. Der Norden von Deutschland – meine Wohlfühloase, (m)eine Tankstelle für meine ausgelaugte Seele. So langsam setzt sich all das Geschehene. So wie der Sand im aufgewühlten Meer. Die Wellen werden sanfter. Die Gischt wird weniger, vorerst. Der nächste Sturm kommt gewiss. Das ist so sicher wie Ebbe und Flut.

Meistens passieren bei mir einschneidende Erlebenisse zu Jahresbeginn. Diesmal starb keiner, weil alle schon tot sind, irgendwie.

Als erstes stand für mich in diesem Jahr fest, dass ich mit der Präventionsarbeit aufhöre. Die Website von „Happy Kalorie“ existiert bereits nicht mehr. Facebook und Instagram werden vorerst (auf eine unbestimmte Zeit) nicht mit entsprechenden Inhalten gefüllt. Finito…

Stattdessen widme ich meine kreative Zeit den Upcycle-Taschen. Die Idee von „Miki ReBag“ ist schon länger aktiv. Durch andere Geschehnisse konnte ich meine Kreationen nur langsam realisieren. Aber gut. Lieber spät als nie. 🙂 Alles zu seiner Zeit.

Im Mai drehte sogar das MDR im Rahmen der Sendung Unser Dorf hat Wochenende eine kleine Frequenz über meine ReBag´s. 🙂 Wenn du dir den Beitrag anschaust –> in den gezeigten Räumlichkeiten befinde ich mich nicht mehr.

Schneller als vermutet, bezog ich mit meiner Nähursel einen neuen Kreativraum. Zum Glück konnte ich die gestellten Hürden mit Unterstützung relativ schwungvoll überspringen. Jetzt steht meinem kreativen Elan nichts mehr im Wege. 🙂

Das einschneidenste Erlebnis bis dato war jedoch der Auszug aus der gemeinsamen Patchworkfamily-Wohnung. Ehrlich? Ich hielt meine Ehe schon länger nicht mehr aus. Die Differenzen, über die wir nicht miteinerander sprachen, wuchsen im Laufe der paar gemeinsamen Jahre zu unbeweglichen Eisberge heran. Kälte und Schärfe lag in fast jedem Dialog, der strengenommen oftmals nur ein Monolog war. Mein (noch) Mann und ich drifteten ab. Jeder in seine eigene Richtung.

Einen Kompromiss finden? Klar, kein Problem! Einfach miteinander reden und dann aufeinander zugehen. Hmmm, ich habe es versucht. Ganz oft. Immer wieder neu angesetzt. Doch ich traf nicht die Worte, die mein Gegenüber verstand. Heute weiß ich, dass diese Versuche gar nicht bei ihm ankamen. Die versuchten Gespräche sind wohl gar nicht real passiert? Vielleicht habe ich mir die versuchten Gespräche auch nur eingebildet, wie so vieles in unserer Beziehung? Eine verständliche Kommunikation auf  Augenhöhe war in unseren gemeinsamen Jahren definitiv (ok, zu Beginn schon) fast nicht gegeben.

Der Umzug in eine seperate Wohnung versprach die Rückkehr zu mir selbst. Zumindest war das der Plan. Abstand von der Patchworkfamilie, die seit längerem eine schwere Bürde für mich war. Abstand von dem Mann, den ich 2016 aus voller Überzeugung heiratete.

Ich dachte echt, meine Gefühle für ihn erwachen neu und andere, die nicht sein durften, sterben ab. Erstmal ausziehen. Erstmal irgendwie zur Ruhe kommen. Ich konnte wahrlich nicht mehr klar denken. Obwohl ich den ganzen Tag nichts anderes tat. Darüber nachdenken, wie es weitergehen soll, kann, muss. Erstmal ausziehen… Wie gesagt, so war der Plan.

Von Oktober 2019 bis Juni 2020 führte ich regelmäßig Gespräche mit einer Beraterin bei der Diakonie. Ich wollte nach einem heftigen Vorkommnis mit einem Patchworkkind etwas im Familiendasein ändern. Es gab so viel Eingeschliffenes, das mich innerlich auffraß. Unsere Schwachstellen waren uns bekannt. Wir schafften es einfach nicht, unser Miteinander konsequent so zu verändern, dass wir alle zufrieden sind. Wir schafften es einfach nicht.

Ich wusste nach einem Streit-Wochenende im November, dass unsere Ehe nur noch eine Chance hatte. Mir war aber auch klar, dass diese besagte Chance bereits verbumfiedelt war. Es handelte sich nicht um einen Streit im klassischen Sinne. Stumme Wortfetzen tauschten wir aus. Die Schneide der Ignoranz ist deutlich schärfer.

Schluss… So geht es nicht weiter! Ich schaff(t)e es nicht mich so auszudrücken, dass ich verstanden werde. Also muss ich mit Hilfe von Außen eine Sprache erlernen, die mein Umfeld auch versteht. Getreu dem Motto: Wenn ich mich und meine Sicht ändere, dann ändert sich alles. Mit der Konsequenz, es wird wieder leichter für uns alle. So war der Plan.

Mein Dazutun, welches die Spannung innerhalb des Verbundes aufrechterhielt, war mir durchaus bewusst. Mit externer Unterstützung wollte ich diesen negativen Denkmuster bearbeiten, um entspannter zu sein. Um generell das Familienleben zu entkrampfen.

Tja, auch hier entwickelte sich alles ganz anders als gedacht. Mir wurde bei den Gesprächen der Spiegel vorgehalten. Ich erfuhr suggzessive, warum ich so reagierte, wie ich reagierte. Meine Verhaltensmuster wurden hie und da analysiert. Seit langem fühlte ich mich von einer Person, außerhalb meines Bekanntenkreises, verstanden. Meine Gedanken und meine Auffassungen wurden ernstgenommen. Sie wurden nicht automatisch als sonderbar oder gar kompliziert abgestempelt.

Jedes Verhalten hat seine berechtigten Gründe.

Nun, die Trennung von meinem Mann und seiner Familie musste kommen. Ich behaupte sogar, die war überfällig. Die Trennung war erleichternd und schmerzhaft zugleich. Ich befand mich in einem Zustand, der einem kalten Entzug gleichkommt. Mein Mann, mein Held und ich, die instabile Essgestörte von einst. Eine Konstellation, die von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Mein (verstorbener) Vater prophezeite vor der Heirat. „Deine Ehe steht unter keinem guten Stern.“

Die Wochen nach der Trennung waren heftig. Ich dachte oft, ich halte das nicht mehr aus. Der innere Schmerz zerriss mich jeden Tag auf’s Neue. So verloren und schmerzerfüllt fühlte ich mich noch nie.

Apathie und Aktionismus wechselten sich ab. Wenn ich was tat, sah ich keinen Sinn dahinter. Ich tat es dem Tun wegen. Nur kein Stillstand. Nur keine Pause. Nur nicht zur Ruhe kommen. Nur nicht fühlen. Ich war stark und schwach, motiviert und desillusioniert zugleich. Ich war eine nicht tauende Eisflocke in der Wüste.

Ans Aufgeben dachte ich – zugegeben – schon. Am besten einfach umfallen… Weg aus der Situation. Einfach unmächtig werden und erst erwachen, wenn sich alles zum Guten gewendet hat. Das Leben ist aber kein Wunschkonzert mit Florian Silbereisen als Moderator, also geschah das natürlich nicht. Hmmm, vielleicht auch ganz gut so.

Es war nicht alles grottig. Unter all den Trümmern, wuchs langsam ein neues Glück heran. Ganz unerwartet. Ganz unerhofft. Ganz ungeplant. Amors Pfeil traf mich, so ganz einfach ist das (wohl) manchmal.

Anfangs war mein Teufel stark am Kleinreden der (ungewohnt erfrischend) neuen Gefühle. Ich darf das nicht fühlen! Egal wie schlecht es mir in meiner Ehe geht. Es darf nicht sein! Ich muss doch für das Bestehen der Ehe kämpfen!

„Tust du das nicht schon all die Jahre?“, fragte mich der Engel, der auf der anderen Schulter saß und vielleicht noch immer sitzt.

Wie dem auch sei… Ich ließ mich auf das Abenteuer ein. Vielleicht finde ich Gründe, die meinem Teufel rechtgeben. Vielleicht spüre ich schnell, wie naiv ich doch bin und werde schnell vernünftig, um wieder in die entsprechenden Bahnen zu kommen. Was auch immer das Richtige für mich ist?! Ich wusste ja nicht mal, dass ich überhaupt zu solchen Gefühlen noch fähig war. Schließlich war ich vollkommen gefühlstaub für alles um mich herum.

Du ahnst es. Nichts dergleichen trat ein. Ganz im Gegenteil… Mein Leben reicht(e) mir ihre Hand und nun ist es, wie es ist. Schön und lebenswert, wie schon recht lange nicht mehr.

Was mich erwartet, kann ich heute nicht sagen. Ich bin teilweise noch recht holprig unterwegs. Es warten noch einige Situationen auf mich, in denen ich einen kühlen Kopf bewahren muss. Wir alle sind aktuell ziemlich emotional unterwegs. Wut, Ärger und Unverständnis machen bei sich bei beiden Parteien Luft.

Aber auch das werden wir überstehen. Aufgeben ist KEINE Option. 🙂 Es war kein Fehler. Es waren Erfahrungen, die mich viel gelehrt haben.

Komm gut durch die Hitze. 🙂

 

6 Gedanken zu “Der Norden, eine Seelentankstelle

  1. Liebe Michaela – „Aber auch das werden wir überstehen. Aufgeben ist KEINE Option. 🙂 Es war kein Fehler. Es waren Erfahrungen, die mich viel gelehrt haben.“ Wie recht du mit diesen Sätzen hast. Alles Gute und Liebe für dein neues Leben 🍀. Schön, wieder von dir zu lesen. LG Nele

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  2. Liebe Michaela, hier ist Anne von den erfahrungsexperten aus Berlin. Ich habe immer mal wieder an dich gedacht und heute auf deine Seite geschaut.
    Ich finde es schade, dass du mit der Präventionsarbeit aufgehört hast und gleichzeitig mutig und stark und großartig, dass du damit ja nichts tatsächlich aufgibst, sondern umso mehr für dich und deine Bedürfnisse einstehst. Dein Artikel hat mich sehr berührt, weil ich auch einen so schweren Weg gegangen bin, der auch mit Trennung und Abschied (von Mustern, Menschen, Verhalten, Erwartungen) zu tun hatte. Heute bin ich auch frei und es ist schön zu lesen, dass du dich befreit hast bzw. noch auf dem Weg bist, auch wenn’s noch holpert. Dazu fällt mir nämlich ein:
    „Es ruckelt immer etwas, wenn das Leben in den nächsten Gang schaltet“ 🙂 (Quelle weiß ich nicht)

    Alles Gute für dich und liebe Grüße aus Berlin!

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Anne,
      wie schön von dir zu lesen. Danke für deine erwärmenden Worte. 😃🌞
      Die Prävention ist noch immer in meinen Gedanken. Vielleicht ergibt sich ein vereinbares ehrenamtliches Engagement.
      Letztens erst erinnerte ich mich an unser Treffen in Berlin. Aufregend und sehr inspirativ war es. 😊
      Hab eine gesunde Zeit und vllt bis bald mal wieder.
      VG aus dem Erzgebirge
      Michaela 🐞

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