Kann das weg?

Lang, lang ist mein letzter Blogeintrag her. Heute zum Freitag habe ich mich spontan von meinem Schreibbedürfnis überrumpeln lassen. Das, was ich eigentlich tun wollte und auch noch immer will, rennt mir zum Glück nicht weg. Nun sitze ich also hier, mit meiner Fee auf dem Schoß und haue routiniert in die Tasten.  Smiley

Hier

Hier, damit meine ich das Wohnzimmer, in dem meine Oma etliche Jahrzehnte gelebt hat. Es ist kalt, deutlich kälter als draußen. Meinen Atemhauch sehe ich nicht. Ich habe es soeben ausprobiert. Smiley Zwar könnte ich die Heizung aufdrehen, aber mein Geiz lässt es nicht zu.
Zu meiner Freude scheint die Sonne. Seit gestern keimt gelegentlich ein frühlingshaftes Gefühl in mir auf. Unser dörfliches Vogelgezwitscher löste diese emotionale Wallung aus. Ich habe den Schnee satt. Alles in mir sehnt sich nach wärmere Tage, trockene Feldwege und die damit verbundenen ausgiebigen Spaziergänge.
Das ich mich mal so nach Bewegung – und das freiwillig – sehne, hätte ich vor fünf Monaten nicht gedacht. Aber mit Hund sind Spaziergänge, und das mehrmals am Tag, Pflicht. Bei Wind und Wetter, aber bei frühlingshaften Temperaturen macht diese Pflicht deutlich mehr Spaß.
Ach ja, wer es noch nicht mitbekommen hat, wir haben Familienzuwachs erhalten. Unsere Fee, eine noch nicht ganz zweijährige Yorkie-Dame, macht unser kunterbuntes Familienchaos perfekt. Mohrli, unser Kater, von dem ich schon ausführlich schrieb, hat seine neue Tierfreundin ohne Probleme akzeptiert. Smiley

Februar

Der Februar steht im Zeichen des Ausmistens. Weg mit allem, was ich nicht mehr benötige. Ich habe viel “allem”, sehr viel. Nie hätte ich gedacht, dass Wegschmeißen so gefühlvoll sein kann. Was ich augenscheinlich nicht benötige, braucht aber mein Herz. Das ist eine richtig krasse Erfahrung. All die Gegenstände, die sich im Haus meiner verstorbenen Familie befinden, tragen Erinnerungen an eine vergangene Zeit in sich.
Von dieser Zeit weiß ich größtenteils nichts. Jetzt, wo es zu spät ist, will ich alles wissen.
Ich möchte gern die Geschichten dahinter erfahren. Die ungefilterte Konfrontation mit den Dingen erschlägt mich mal mehr, mal weniger. Im Vorfeld wusste ich von all dem nur einen kleinen Bruchteil. Eben das, was ich regelmäßig gesehen und wahrgenommen habe. Oder gehst du einfach so in die Schränke deiner Großeltern, um zu schauen, welche interessanten Fragen sich dort befinden könnten?

Umsehen

Meine Oma und auch mein Papa mochten es überhaupt nicht, wenn ich mich näher in ihrem Hoheitsgebiet umsah. Nicht ohne Grund schloss mein Vater sein ganzes Chaos ab. Mir kam nie in den Sinn, auf den Dachböden Ordnung zu machen. Ein-/zweimal war ich heimlich oben, weil mich die Neugier dazu trieb. Ich hoffte damals, dass mein Vater ewig lebt, um das Durcheinander selbst in Ordnung zu bringen.
Nie sprach ich meinen Vater oder meine Oma darauf an. Ich getraute mich schlichtweg nicht. Denn ich hatte eine Grenze überschritten. Das wollte ich für mich behalten, aus Scham. Beide hielten an der Vergangenheit fest. Wegschmeißen, einfach etwas scheinbar Unbrauchbares entsorgen, war für sie ein Ding der Unmöglichkeit.
Wer mich kennt, weiß, dass ich eher der Typ: “Ach, tu weg!”, bin. Manches hebe ich auf, um mich damit zu einem späteren Zeitpunkt zu beschäftigen. Aber allein der Gedanke besagt schon, dass der Zeitpunkt weit in der Zukunft liegt. Ich miste regelmäßig meinen Schreibtisch aus und wundere mich genauso regelmäßig, was ich nicht alles für informationsversprechendes Zeug aufgehoben habe. So ist der Mensch. Was man hat, hat man. Schließlich weiß man nie, wann man dies oder jenes gebrauchen kann.

Überlegen

Nun bin ich seit ein paar Tagen fast täglich hier. Betrachte, lese, überlege und spüre, wie ungern ich all das – einfach mal so nebenbei – in die Tonne werfen möchte. Obwohl ich es weder brauche, noch schön finde oder weiß der Geier was. Es fühlt sich an, als werfe ich meine Familie weg. Obwohl das völliger Unsinn ist. Sie ist ja schon weg.
Die meisten dieser Familie habe ich nie kennenlernen dürfen. Weil, des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Dieser besagte Mensch, der sich diese Entscheidungsfreiheit herausnahm, brachte mich zur Welt. Sie wollte mir sicherlich (zu ihren Gunsten) viel ersparen. Sei´s drum, dies rückgängig zu machen ist wirklich ein Ding der Unmöglichkeit.
Zwei Jahre habe ich nun schon dieses Haus. Ein Großteil hat bereits den Besitzer gewechselt. Und das mit gutem Gewissen für mich. Vieles werde ich auch noch weitergeben können, aber nicht alles. Ich halte die vermeintlichen Erinnerungen fest, nicht an den eigentlichen Gegenständen. In meinem Kopf entstehen durch all die Sachen Bilder, die rein fiktionaler Natur sind. Wie es damals wohl so war?

Vergangen

Ich wünscht, ich könnte in die Vergangenheit reisen, um die Eindrücke, die ich in mir trage, zu überprüfen. Man soll nicht in der Vergangenheit leben. Viel lieber soll man in die Zukunft schauen, denn die ist veränderbar und jeder hat die noch vor sich. Also, jeder Lebende. Jaja, von dem Gesülze habe ich die Nase voll. Ich will nicht zurückreisen, um in Depressionen zu versinken, sondern ich möchte schlichtweg erfahren, wer meine Familie ist.
Ich weiß, dass das nicht geht. Ich kenne die meisten Argumente, die zukunftweisend sind. Ich will es trotzdem!!! *trotzig guck* Von dem Irrwitz und Unrealisierbarkeit vollkommen abgesehen. Das ist mir schon bewusst. Klar denken kann ich durchaus, zumindest in den meisten Situationen. Zwinkerndes Smiley

Entscheiden

In diesem Jahr wird eine Entscheidung fallen (müssen), was mit dieser Erbimmobilie wird. Behalten? Ausbauen? Neu bauen? Verkaufen? Vermieten?
Meine Familie hat das Haus etliche Jahre bewohnt. Die Lage ist bürgerlich. Der Garten ist besonders steil und besonders sonnig. Hmmm, der Zustand des Hauses lässt arg (hoch 1.000.000) zu wünschen übrig. Eigentlich ist die Entscheidung bereits gefallen. An dem Aber oder der Rechtfertigung gegenüber meiner Familie im Himmel, arbeite ich jedes Mal, wenn ich am Räumen bin.
Rational liegen die Karten offen auf dem Tisch. Genauso jede logische, daraus resultierende, Konsequenz. Nur bin ich in dieser Situation vieles, aber nicht unbedingt rational. Verständlich, möchte ich diesen Zustand bezeichnen.

Emotional

Ich bin sehr emotional und im gleichen Maße sensibel. Jedoch trage ich das nicht nach außen. Und wenn doch, dann sparsam dosiert. In so manch unbekannter Situationen wirke ich eher kühl. Und wenn ich sauer bin, halte ich nicht hinterm Berg. Zum Leidwesen einiger Familienmitglieder. Zwinkerndes Smiley
Aber wenn es persönlich wird, wenn etwas mich persönlich betrifft, halte ich meine Klappe. Ich muss sie halten, denn ich weiß nicht, was ich sagen soll. Mir fällt es dann wirklich sehr schwer, entsprechende Wörter zu finden. Ich leide in solchen Augenblicken sozusagen unter Wortfindungsschwierigkeiten. Zwinkerndes Smiley
Darüber reden, setzt ein darüber-reden-Können voraus. Dass ich ein introvertierter Mensch bin, ist kein Geheimnis. Ich bin es gern. Aber wie alles im Leben, hat auch dies zwei Seiten.
Alles wird gut und so… Jaja, sicherlich. Aber auch nur dann, wenn ich etwas dafür oder dagegen mache. Keiner nimmt mir die notwendigen Entscheidungen ab. Von allein wird nichts gut, höchstens schlecht und ungenießbar.

Entschlossen

Ich habe mich dazu entschlossen, mich langsam mit der Trauer auseinandersetzen. Diese trage ich nach wie vor unangetastet in mir. Wenn Reden nicht funktioniert, Schreiben geht bei mir immer. Dem Drang, all meine Gedanken zum Tod meiner Familie, mit sämtlichen Fragen schriftlich festzuhalten, habe ich vor ein paar Wochen nachgegeben. Die ersten zwei Kapitel sind in der Rohfassung bereits geschrieben.
Das passt im Moment recht gut, denn ich stecke mittendrin im emotionalen Geschehen. Es ist kein autobiografischer Roman im eigentliche Sinne. Eine große Portion Fiktion darf nicht fehlen. Smiley
Na gut, ich muss mich jetzt doch mal an meine eigentliche Tätigkeit herantasten, für die ich hergekommen bin. Von allein wird bekanntlich nichts. Smiley

Bloggahontas

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