Zerstörung mit Gottes Segen

Endlich ist es da, das angekündigte Gewitter. Es blitzt und rumpelt ordentlich. Regentropfen düsen mit Karacho auf den ausgetrockneten Boden. Zwischen den Donnerschüben ist es gespenstig ruhig. Im Schein meiner Augenwinkel nehme ich die grellen Blitze wahr. Ich rieche frische, saubere Luft, die mich durch das angekippte Fenster erreicht. Meine Anspannung wird mit jedem Donnerknall weniger. Das Gewitter lässt meinen Frust ab. Wenn es nur immer so einfach ginge. Smiley

Seit Tagen schon bin ich innerlich wie zugeschnürt. Mein Herz ist schwer. Mein Kopf ist voll. Meine Blicke sind begrenzt. Ich will weg. Einfach nur weg aus meiner aktuellen Situation. All die Last und Bürde aus vergangener Zeit, bringt mich ins Straucheln.
Ich hadere mit mir, weil es nicht sein darf. Es darf nicht sein, dass ich mich innerlich unwohl fühle. Denn ich habe alles, was ich zum Leben brauche. An sich habe ich ein perfektes Leben. Ich muss mich beruflich nicht mehr quälen. Ich habe einen Mann, einen Sohn, eine Bonustochter, einen Kater und zwei weitere Patchworkjungs. Obdachlos bin ich ebenfalls nicht und über eine gewisse Gesundheit sowie materielle Zugeständnisse darf ich mich auch jeden Tag aufs Neue freuen.
Also, warum jammere ich dann? Es gibt augenscheinlich keinen Grund zu jammern. Aus Sicht einer außenstehenden Person schöpfe ich täglich aus dem Rund-um-sorglos-Paket. Das stimmt, deshalb fühle ich mich ja so mies. Ich fühle mich nicht gut, weil es mir nicht 100 %ig gut geht. Was für ein Irrsinn ist das bitte!?!
Manchmal, wenn mir meine Tagesstruktur ein wenig Zeit übrig lässt, kommt es durch – das krampfende Gefühl. Ich hole tief Luft und schlucke kräftig, um den rasierklingenscharfen Brocken wieder nach unten zu drücken. Mal schaffe ich es und arbeite wie gewohnt weiter. Mal schaffe ich es nicht und bleibe in den unterschiedlichsten Momenten meiner Erinnerung kleben.
Für den Schmerz, den ich spüre, finde ich verbal keine passenden Worte. Es fällt mir sehr schwer, darüber zu reden. Jedes laut gesagte Wort bringt mich in Rage. Ich fühle mich danach wie früher als Kind – geohrfeigt und geknebelt.
Die Gewissheit in meinem Kopf schreit: “All das, was du in deiner Kindheit erleben durftest, war ein Geschenk Gottes. Deswegen darfst du keinen Groll gegen die Menschen haben, die dir dieses Geschenk ermöglichten!” Ich hoffe, du erkennst die Ironie meiner Aussage.
Freitag der 13. (April) – komisch, dass an solchen offiziellen Unglückstagen auch immer etwas Bescheuertes passiert. An diesen Tag werde ich mich ewig erinnern. Das ist der Tag meiner Erkenntnis, dass ich noch nie zur sogenannten Familie – die von jedem auf Händen getragen wird – gehörte. Damit meine ich nicht meine angeheiratete Familie, sondern die Fürsorgepersonen, denen ich als Kind auf Verdeih und Verderb ausgeliefert war. Die mütterliche Familie unternahm alles, dass ich der väterlichen Familie den Rücken kehr(t)e. Ich war nur Mittel zum Zweck. Es ging nie um meine Gefühle. An erster Stelle stand die Zerstörung meines Vaters. Ihr perfider Plan ging auf. Ich äußerte das vor Gericht und bei jedem Gutachter, was mir vorgegeben wurde. Ich war zu jung um zu erkennen, dass ich mir gerade das eigene Grab schaufelte.
Was ich bis zum 13. nicht wusste, war, dass sehr viele aus der mütterlichen Familie von den seelischen und körperlichen Grausamkeiten, die mich immer wieder an den Rand der Verzweiflung brachten, wussten. Diente ich zur Belustigung diverser Geburtstagfeiern? Oder beneideten mich die anderen für die frühkindlichen sexuellen Erfahrungen?
Wie dem auch sei. Ich war keinem erwachsenen Familienmitglied etwas wert. Vorhaltungen und Vergleiche, wie toll und grazil die anderen sind im Gegensatz zu mir Trampel, ließen es mich zu damaliger Zeit erahnen. Doch ich hatte Hoffnung, dass es sich eines Tages bessern würde, wenn auch ich dünn und grazil bin.
Meine Kindheit ist vorbei. Die vereiterten Wunden sind verheilt. Shit happens eben. Was mich aber seit dem 13.04.2018 auffrisst, ist das Wissen, dass christliche Menschen, die zweimal pro Woche und mehr in die Kirche gehen, es zugelassen haben, dass ich familienlos aber dafür mit Häuslicher Gewalt aufwuchs. Kirchliche Seelsorger haben schließlich Schweigepflicht, wurde mir als Argument genannt. Und die familieninternen sowieso. Ach, war ja bloß mein Leben, was in die Hölle geschmissen wurde. Der liebe Herrgott verzeiht schließlich alles.
Sie werden gedacht haben: “Nun ist die einmal da, zurückschieben geht ja in dem Alter nicht mehr. Die Michaela ist so zäh, die schafft das auch alles allein! Die braucht uns nicht. Die arme Mutter dagegen, sie hatte es in ihrer eigenen Kindheit wirklich schwer. Sie darf sich bei ihrem Gör ruhig auslassen. Je zerstörerischer, desto besser für ihr Vergeltungsbewusstsein.” Rechtfertigt die schlechte Kindheit (die ich nicht im geringsten beurteilen kann) meiner biologischen Mutter wirklich die Zerstörung eines unschuldigen Kindes? Entweder ich bin zu doof, um die Zusammenhänge zu erkennen, oder ich mache bei der Erziehung meines Sohnes irgendwas falsch.
Der vermeintlich ach so tolle Glauben zerstört unter dem Deckmantel des Heiligenscheins viel mehr, als wir auf den ersten Blick sehen (wollen). Davon abgesehen habe ich kein Verständnis dafür, dass auch Unschuldige ihren Leben wegen Fehler anderer opfern müssen.
Was nach einem schlechten Witz klingt, ist die pure Wahrheit – so wie sie sich mir an besagten Tag offenbarte. Ich brauchte nicht lange zu überlegen. Etwas Abschließendes konnte ich mir sparen. Es bringt nichts, mich Leuten mitzuteilen, für die ich nicht existiere. Wahrscheinlich wollte der Familien-Mann nur sein Gewissen erleichtern und Verständnis für die frühkindlichen Grausamkeiten, die der besagten Frau widerfuhren, werben.
Ich musste quasi für etwas büßen, für das ich nichts konnte. Ich war das Opfer von christlich erlaubter Zerstörungswut. Auf eine Familie, die aus einer Täterin ein Opfer macht und das Opfer als ein belangloses Wesen darstellt, kann ich verzichten. Die logische Konsequenz, meine logische Konsequenz war der radikale Kontaktabbruch zur mütterlichen Familie. Der Hauch an vorgelogener Verbundenheit ist verweht. Ich war nie ein Teil von denen und werde auch nie ein Teil dessen sein. Meine Familie ist gestorben, ein dritte Mal.
Alles hat sein Gutes. Zwar arbeitet die bitterböse Gewissheit noch in mir, aber ich werde auch diese Mammutaufgabe meistern. Ich bin schon immer meinen Weg gegangen. So auch diesmal. Mit dem Unterschied, dass ich jetzt nicht mehr allein bin. Jetzt habe ich die Unterstützung an meiner Seite, die ich als Kind gebaucht hätte. Im Grunde hat mir die Boshaftigkeit einer sogenannten Familie ein unabhängiges Leben ermöglicht. Ich weiß, dass ich alles schaffen kann, wenn ich an mich glaube.
Mir geht es nicht um Schuldzuweisungen. Im Gegenteil, ich bin dankbar für diese späte, aber richtungsweisende Schmach. Ich wurde erlöst von dem Drang, dazugehören zu müssen. Ich wurde erlöst von der Pflicht, wenigstens ein klein wenig Kontakt zu halten. Jetzt habe ich die Chance, mich endgültig von all den familiären Fesseln zu befreien.
Ich will kein Opfer sein, deshalb verhalte ich mich auch nicht so. Vielleicht war ich auch nie ein klassisches Opfer und wurde deshalb nicht wahrgenommen. Das klingt fast schon wie ein Kompliment. Zwinkerndes Smiley Wie gesagt, all das Schlechte hat auch sein Gutes. Smiley

Bloggahontas

6 Gedanken zu “Zerstörung mit Gottes Segen

  1. Caritas schreibt:

    Liebe Michaela,
    Ich wünsche dir von Herzen, dass du deine Gefühle zu diesem Thema eines Tages voll und ganz annehmen und akzeptieren kannst, sie fühlst, ohne Worte dafür finden zu müssen – das ist überhaupt nicht wichtig – und sie dann loslassen kannst… das loslassen passiert dann, wenn du sie akzeptierst, das heißt sie „sein lassen“ kannst, so wie sie sind, dann werden sie sich auflösen…

    Denn es ist richtig, es geht um deine Gefühle, so wie sie sind. Wenn du sie wegdrückst, nicht haben willst, baut sich Widerstand auf und sie bleiben viel länger, so lange, bis du sie dir endlich anschaust, ohne dich dafür zu verurteilen…

    Ich hoffe, du kannst etwas damit anfangen…

    VG Caritas

    Gefällt 1 Person

  2. Meinen allergrössten Respekt, denn auch in der einigermassen anonymen, digitalen Welt braucht es sehr viel Mut, sich in dieser Weise zu öffnen! Ich denke, dies zeigt, dass Du auf einem guten und erfolgreichen Weg zur Verarbeitung dieser schweren Zeit bist.

    Verschwinden werden diese schwierigen Gefühle sicher nie, doch das müssen sie auch nicht. Denn egal wie schlimm diese Erlebnisse auch waren, Du kannst Dir immer sagen ICH HABE ES GESCHAFFT!

    Vielleicht wird so die Distanz dazu auch immer grösser, bis es nicht mehr ganz so wehtut, sich daran zu erinnern, oder man sogar, wie schon gesagt, ganz loslassen kann..

    Du bist wirklich ein Vorbild, da kann ich mich nur anschliessen!

    Ganz liebe Grüsse aus der Schweiz
    Franzi

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Franzi,
      wow, ich bin überwältigt von deinen Worten. Herzlichen Dank dafür. 🙂
      Ich wünsche dir einen tollen restlichen Sonntag und komm morgen gut in die neue Woche. 🙂
      Alles Liebe
      Michaela 🙂

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